Mit Zug, Schiff und Dampflok zum Gipfelglück

Herrlicher Sonnenschein, eine phänomenale Aussicht, ein kurzweiliger Wanderpfad und ein netter Einkehrstopp; sind diese vier Zutaten vorhanden, steht einem gelungenen Ausflug nichts mehr im Weg. Das hat sich bei unserem kürzlich getätigten Abstecher aufs Brienzer Rothorn einmal mehr bestätigt.

Meinen geplanten Tagesausflug aufs Brienzer Rothorn möchte ich mit einer Schifffahrt auf dem Brienzersee verbinden. Die Routenplanungsfunktion in der abilio-App scheint jedoch überzeugt zu sein, dass die einzige sinnvolle Verbindung zwischen Interlaken und Brienz der Zug darstellt. Deshalb ergänze ich meine Route über «via» mit der Schiffsanlegestelle Iseltwald am linken Brienzerseeufer und schon zeigt mir die App die Schiffverbindung an.

Wir sind früh unterwegs und beobachten durchs Zugfenster, wie die Sonne langsam hinter den Bergflanken hervorblinzelt. Zeitgleich mit den ersten Sonnenstrahlen erreichen wir Interlaken Ost und begeben uns direkt zur Schiffsanlegestelle vis-à-vis vom Bahnhof. Die «Jungfrau», eines von drei Kursschiffen auf dem Brienzersee, steht bereit. Während der Kapitän die Leinen löst, organisieren wir uns einen Kaffee und suchen uns im Anschluss ein windgeschütztes Plätzchen auf dem Sonnendeck. Die nächste Stunde brauchen wir nichts weiter zu tun, als uns die Haare vom Wind zerzausen zu lassen und staunend die stotzigen Berghänge links und rechts des Sees zu bewundern. Auf Höhe Iseltwald sind sie so steil, dass die Sonne hinter der Kuppe verschwindet und wir leicht frösteln. Doch wir verharren tapfer draussen und laufen wenige Minuten später im sonnigen Hafen von Brienz ein.

Seit 1892 stösst die Brienz-Rothorn-Bahn mit lautem Zischen und Dampfen die leuchtend roten Waggons über 1'600 Höhenmeter den Berg hoch. Eine Meisterleistung! Bis heute sind auf der Strecke täglich Dampflokomotiven im Einsatz und sorgen dafür, dass sich die Fahrt aufs Brienzer Rothorn wie eine Zeitreise anfühlt. Wir besorgen unsere Tickets und reihen uns danach in die aufgeregt schnatternde Menschenmenge ein. Bleibt nur noch die Frage, auf welcher Seite der Waggons es die bessere Aussicht gibt? Wir entscheiden uns für diejenige in Fahrtrichtung links und halten die Kamera schussbereit. Im gemächlichen Tempo tuckern wir bergwärts und stellen bald einmal fest, dass sich die beiden Seiten schön regelmässig abwechseln und alle in den Genuss des herrlichen Panoramablicks über den Brienzersee kommen. Kurz nach halb acht in der Früh sind wir am Bahnhof Bern gestartet. 4.5 Stunden später – um Punkt zwölf Uhr – erreichen wir unser erstes Etappenziel; das Brienzer Rothorn. Kein Wunder, empfahl uns die App mit erster Priorität eine schnellere Verbindung. Doch für uns ist heute der Weg das Ziel und so steuern wir als Erstes die Sonnenterrasse des Gipfelrestaurants an und bestellen Chäshörnli mit Apfelmus.

Frisch gestärkt sind wir bereit für den zweiten Part unseres Ausfluges. Während wir uns am Morgen mit dem öffentlichen Verkehr gemütlich von Bern bis aufs Brienzer Rothorn chauffieren liessen, ist nun unsere Muskelkraft gefragt. Der Plan: Der fünften Etappe des Grenzpfad Napfbergerland vom Brienzer Rothorn bis nach Kemmeribodenbad folgen. Eine Strecke von knapp 13 Kilometern, für die eine Wanderzeit von knapp vier Stunden ausgeschildert ist. Davor legen wir jedoch eine Extraschlaufe auf den Gipfel des Brienzer Rothorns ein. Dieser befindet sich in entgegengesetzte Richtung 100 Höhenmeter oberhalb des Restaurants Rothorn Kulm und bietet einen fantastischen Rundblick vom Entlebuch über das Grimselgebiet, die Berner Viertausender bis nach Interlaken. Als Zugabe erwartet uns kurz vor dem Gipfel eine Herde stattlicher Steinböcke. Der erste Schnee der Saison hat sie vermutlich vom schattigen Nordhang auf die Sonnenseite getrieben.

Wir bewundern das beeindruckende Panorama und wandern danach Richtung Lättgässli. Doch bevor wir den steilen, aber gut über Betontreppen gesicherten Abstieg in Angriff nehmen, zieht es uns erneut einige Meter in die Höhe. Der Schongütsch bietet als Gipfelpendant zum Brienzer Rothorn ebenfalls eine spannende Aussichtsperspektive. Nun ist plötzlich ein zügiges Wandertempo gefragt, damit im Kemmeribodenbad noch ein Einkehrstopp drin liegt. Der Abstieg über Lättgässli hinunter nach Blattenegg ist weniger zäh als befürchtet und so kommen wir gut voran. Die Landschaft präsentiert sich auf dieser Seite des Grats ganz anders. Statt schneebedeckten Gipfelspitzen dominiert hier die weisse Kalkwand der Schrattenfluh den Horizont. Dazwischen sind vereinzelte Bauernhöfe in der sanft geschwungenen Hügellandschaft auszumachen. Während der Wanderweg im ersten Abschnitt durch ein Geröllfeld führte, passiert er nun das Hochmoorgebiet von Sörenberg.

Exakt um 17:00 Uhr erreichen wir Kemmeribodenbad. Der urige Landgasthof ist weitum für seine riesigen Merängge bekannt. Insgeheim habe ich mich bereits den ganzen Tag auf diese süsse Versuchung gefreut. Von einem früheren Besuch weiss ich aber, dass ich mich nicht von der Gier leiten lassen sollte und die «Kleine Merängge» mit einem Stück original Kemmeriboden Merängge sowie Chäserei Nidle bei weitem ausreicht. Während wir aufs Dessert warten, konsultieren wir abilio nach passenden Verbindungen zurück nach Bern. Die Haltestelle direkt neben dem Landgasthof heisst – etwas verwirrend – nur «Kemmeriboden» und das Postauto bedient die Haltestelle in unregelmässigen Takt. Doch wir haben Glück. Die 55 Minuten zwischen unserer Ankunft im Kemmeribodenbad und der Abfahrt des nächsten Postautos reichen, um die kleine Portion Merängge zu vertilgen. Danach setzen wir uns ins Postauto, fahren bis an den Bahnhof Eschholzmatt und sind 1,5 Stunden später zurück am Ausgangspunkt unseres Ausfluges am Bahnhof Bern. Und wir sind uns einig: Das war ein gelungener Tag– und die nächste Fahrt ins Grüne lässt bestimmt nicht lange auf sich warten.

 

Kurzbeschrieb Anita Brechbühl | Travelita.ch

Seit 2012 berichtet Anita auf travelita.ch über ihre Wochenendausflüge, Städtetrips und Fernreisen. Mit ihren Reisegeschichten motiviert sie selbst Stubenhocker, das Sofa gegen Trekkingschuhe auszutauschen. Immer mit dabei ist die Kamera, um die schönsten Momente für ihre Blogleser festzuhalten.