«Der PaaS-Ansatz ist die Zukunft der Mobilitätsbranche»

Frank Buchli hat in den vergangenen Jahren viele Innovationsprojekte im ÖV-Bereich begleitet. Im Interview erklärt das Geschäftsleitungsmitglied der ERNI Schweiz AG, weshalb das Thema Machine Learning in der Mobilität immer wichtiger wird – und weshalb Schweizer Firmen verstärkt grenzübergreifend denken sollten.

Frank Buchli, Verkehrsministerin Doris Leuthard sagte vor einiger Zeit in einem Interview: «Die Digitalisierung macht vieles möglich, was bisher als zu kompliziert oder unmöglich galt.» Was zum Beispiel?

Grundsätzlich trägt die Digitalisierung wesentlich dazu bei, dass Firmen ihren Kunden noch bessere Lösungen anbieten können. Ein Beispiel: Wer heute eine Reise plant, will nicht nur mit wenigen Klicks den richtigen Flug, sondern idealerweise auch gleich ein Hotel und das Mietauto dazu buchen.

Das funktioniert unter anderem deshalb, weil die Unternehmen ihre Kunden immer besser kennen. Welche Auswirkungen hat das sogenannte Machine Learning auf künftige Mobilitätsangebote?

Intelligente Maschinen haben die Fähigkeit, die Bedürfnisse und das Verhalten der Nutzer vorherzusehen und auf dieser Basis optimale Angebote zu generieren. Die künstliche Generierung von Wissen und Erfahrung wird bei zukünftigen Mobilitätsangeboten deshalb eine wichtige Rolle spielen.

Ein weiterer Begriff, der im Zusammenhang mit der Digitalisierung häufig genannt wird, ist «Platform as a Service». Welche Rolle spielt der «PaaS»-Ansatz im Bereich der Mobilitätsentwicklung?

Bezogen auf Mobilitätsangebote hat der «PaaS»-Ansatz zur Folge, dass ein Anbieter eine Plattform zur Verfügung stellt, auf welcher ganz unterschiedliche Services von verschiedenen Unternehmen eingebunden werden können. Für die Nutzer bringt dies den Vorteil, dass sie unterschiedliche Services aus einer Hand erhalten. Solche Anwendungen sind aus meiner Sicht die Zukunft der Mobilitätsbranche.

Warum?

Der PaaS-Ansatz, den auch abilio verfolgt, führt zum Beispiel dazu, dass Mobilitäts-Apps immer diversifizierter werden und verschiedenste Angebote kombinieren – vom Ticketverkauf über Veloverleihsysteme bis hin zur Möglichkeit, eine Unterkunft zu buchen. Die Verknüpfung verschiedener Dienstleistungen kann den Kunden einen echten Mehrwert bieten.  

«Der Ansatz «Platform as a service» (PaaS) bietet Nutzern den Vorteil, dass sie unterschiedliche Services aus einer Hand erhalten. Solche Anwendungen sind aus meiner Sicht die Zukunft der Moblität» 

Frank Buchli

Wie stehen die Schweizer Mobilitätsanbieter in Sachen Digitalisierung im Vergleich zu anderen Ländern da?

In der Schweiz herrschen ideale Voraussetzungen: Die Unternehmen profitieren von einer sehr hohen Mobilfunk-Abdeckung, vom feinmaschigen ÖV -System, von der hervorragenden Infrastruktur – und nicht zuletzt von der hohen Zahlungsbereitschaft der Kunden. Auf der ganzen Welt gibt es wohl kein besseres «Labor», um neue Projekte zu lancieren und Innovationen zu testen.

Aber...?

Ein Problem ist aus meiner Sicht der sehr starke Konkurrenzkampf zwischen den Bahnunternehmen, den Tarifverbunden und anderen Dienstleistern im Mobilitätsbereich. Ich bin der Meinung, dass die Anbieter in der kleinen Schweiz vermehrt und intensiver zusammenarbeiten sollten. Heute ist leider häufig das Gegenteil der Fall: Jeder möchte seine eigene App herausbringen.

Andererseits belebt die Konkurrenz doch auch das Geschäft.

Natürlich tut sie das. Der «Labor»-Gedanke hat durchaus auch seine Vorteile. Die vorhandenen Apps bzw. die Anbieter dahinter stacheln sich gegenseitig an, wovon letztlich die Kunden profitieren. Diesen ist es jedoch egal, wer die Apps herausgibt – Hauptsache die Angebote bieten einen Mehrwert. Genau deshalb bin ich überzeugt, dass sich die Kunden früher oder später von ihrem Gärtchendenken verabschieden sollten. Ansonsten besteht die Gefahr, dass sie plötzlich von einem internationalen Konzern überrollt werden.

Wie lässt sich dies – von den angesprochenen Kooperationen einmal ausgenommen – verhindern?

Um langfristig erfolgreich zu sein, sollten die Mobilitätsunternehmen einen globaleren Approach verfolgen. Die heutige Generation ist international vernetzt. Viele Leute pendeln ganz selbstverständlich zwischen Zürich und Berlin, oder von London nach Paris. Diese Personen wollen Plattformen nutzen, die grenzübergreifend funktionieren.

Nicht jeder lebt in Metropolen wie Zürich, Berlin oder Paris. Welche Veränderungen bringt die Digitalisierung für die Bevölkerung in ländlichen Räumen?

Auch für den ländlichen Bereich sehe ich bezüglich Mobilität grosse Chancen. Einerseits ermöglicht uns die Digitalisierung, einfacher und unkomplizierter zusammenzuarbeiten, andererseits können dank der Digitalisierung langfristig auch auf dem Land bessere Mobilitätsangebote bereitgestellt werden – und das ganz ohne steigende Infrastrukturkosten.

Können Sie dafür ein konkretes Beispiel nennen?

Denken Sie zum Beispiel an Rufbusse, die je nach Bedarf fahren. Mit der geschickten Einbindung in eine App lassen sich solche Angebote heute viel angenehmer gestalten als noch vor einigen Jahren. Der effektive «Ruf» entfällt für den Reisenden – stattdessen organisiert er seine Busfahrten ganz einfach via App.

«Die Verknüpfung verschiedener Dienstleister, die Usability der App sowie die Qalität und die Verfügbarkeit  sind zentrale Faktoren für ein erfolgreiches PaaS-Angebot.»  

Frank Buchli

Apps wie abilio ermöglichen eine flexible Nutzung verschiedener Mobilitätsangebote. Wie weit sind diese Apps heute – und in welchen Bereichen müssen sie noch verbessert werden?

Es gibt für mich drei Aspekte, über die sich die Entwickler von intermodalen Apps permanent Gedanken machen müssen. Der erste Bereich betrifft das Angebot: Wie können wir dieses erweitern? Was will der Nutzer von uns? Und wie können wir ihm sein Reiseerlebnis noch angenehmer gestalten?

Wie lauten die Antworten auf diese Fragen?

Das lässt sich natürlich nicht pauschal beantworten. Ein zusätzliches Angebot für den Kunden entsteht zum Beispiel dann, wenn dieser mit seiner App nicht nur den Zug ins Skigebiet buchen, sondern auch gleich die Wintersport-Ausrüstung dazu mieten kann. Je einfacher sich verschiedene Dienstleistungen miteinander verknüpfen lassen, desto besser. Das führt mich zum zweiten Aspekt: Der «Usability».

Die Benutzerfreundlichkeit der App.

Genau. Natürlich wollen wir unseren Kunden ein möglichst umfassendes Angebot bieten. Nebst der Breite des Angebots sollten wir unseren Fokus aber unbedingt auch auf den Aufbau unserer App legen. Je einfacher und intuitiver diese bedient werden kann, desto besser. Nur mit einem hervorragenden Usability-Konzept wird sich Ihr Produkt von der Masse abheben.

Ein breites Angebot auf der einen Seite, eine möglichst schlichte Anwendung auf der anderen: Beisst sich das nicht?

Tatsächlich existiert hier ein gewisser Widerspruch. Mein Tipp: Mann soll auch den Mut haben, die einzelnen Funktionalitäten der App ständig zu hinterfragen und falls nötig zu verschlanken. Eine Funktionalität, die nicht ankommt oder kaum gebraucht wird, gehört nicht in eine App.

Und welches ist der dritte Aspekt, auf den es bei den Mobilitäts-Apps ankommt?

Der dritte Punkt betrifft die Themen Qualität und Verfügbarkeit. Wenn der Kunde auf eine Anfrage zu lange keine oder eine fehlerhafte Antwort erhält, wird er sich früher oder später für ein alternatives Angebot entscheiden. Die beste App nützt somit nichts, wenn im Hintergrund nicht ein starkes Back-End vorhanden ist, welches in der Lage ist, Kundenanfragen schnell und korrekt zu verarbeiten. Wer seinen Kunden die bestmögliche Qualität bieten will, muss in seine App investieren. Gleichzeitig sollte man als Unternehmen nie den Wertfluss aus den Augen verlieren. Sprich: Die App soll nicht nur für die Kunden einen Mehrwert bieten, sondern auch für das eigene Unternehmen.

Frank Buchli ist beim Beratungs- und Engineering-Unternehmen ERNI Schweiz AG verantwortlich für den Geschäftsbereich «Public Services», dessen Domänen Behörden, Transport und Logistik sind.